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Alexander K. als Schädelwaldt

 

Zurück im tiefen Tal der Therapierten

2011, DV, Farbe, 82 Min.

Regie, Buch, Schnitt: Lothar Lambert. Kamera, Musik, Co-Schnitt: Albert Kittler. Postproduktion: FMT Studio. Produktion: Lothar Lambert in Coproduktion mit Sange-Film.

Darsteller: Friederike Biebl, Arnfried Binhold, Ralf Grawe, Hilka Neuhof, Erika Rabau, Karin Reum-Lahrem, Rosario Salerno, Dieter Rita Scholl, Magy da Silva, Michael Sittner, Evelyn Sommerhoff sowie Anne-Marie Chatelier, Anna Dörrast, Renate Fornal, Dietmar H. Heddram, Claudia Jakobshagen, Ingrid Raab, Konrad Tidow, Thomas Zetzmann, Daniela Ziemann und Alexander K. als Schädelwaldt, als Gast René Koch.

 

Kurzinhalt

Fortsetzung von „Im tiefen Tal der Therapierten“, jenes Kabinetts von Großstadtneurotikern, denen schwerlich zu helfen ist: Nach dem Tod der Radiomoderatorin ist ihr Bruder zu seiner alkoholkranken Mutter gezogen, hat seine weibliche Identität entdeckt und eine Kleinkunstkarriere gestartet. Der Künstler mit Schädelfetisch hat sich derweil mit seinem Psychiater angefreundet, was das Verhältnis zwischen diesen beiden allerdings nicht gerade einfacher gemacht hat. Gleichzeitig befindet sich der nicht mehr ganz junge und recht erfolglose Künstler nun bei der Frau des Psychiaters in Behandlung, die sich von diesem getrennt und dessen Praxis übernommen hat. Frau Doktor hadert mit ihrer altersbedingt wachsenden Gier nach jungen Männern, während der Schädelfetischist eine Affäre mit ihrer neuen Sprechstundenhilfe beginnt. Und dann geht auch noch der Lippenstiftmörder um...

 

Synopsis (ENTHÄLT SPOILER)

Der Künstler und Schädelfetischist Schädelwaldt und sein Psychiater Dr. George haben sich miteinander angefreundet – letzterer nimmt gerade eine „Aus-Zeit“ auf Rügen, mitsamt seiner skurrilen Mutter, die er in seiner Berliner Praxis oft in die Kammer sperrte, derweil sie nun in den Stall kommt. Die Praxis hat die vormals frustrierte Frau Dr. George übernommen, die berichtet, ihr Mann sei jähzornig. Ins Visier der Jäger des „Lippenstiftmörders“ ist er allerdings schon deshalb geraten, weil seine Patientin Sonja diesem zum Opfer gefallen ist. Deren Bruder Dietrich hat darüber seine weibliche Ader entdeckt und eine Kleinkunstkarriere begonnen. [mehr]

 

Lothar Lambert erzählt (2011)

Gespräch zwischen Fertigstellung und Uraufführung

 

Wenn die Fassade bröckelt
Lothar Lamberts Sicht auf das Narrenschiff

Neurosen, Eifersucht, Hassliebe, S&M-Spiele, unterdrückte Homosexualität, morbider Sex mit Totenschädeln, Existenzängste, Erbschleicherei, Demenz und ein Lippenstiftmörder – alles Themen, die sich im neuen Film von Lothar Lambert finden. Das ist eigentlich nur im epischen „Lindenstraßen“-Format darstellbar und würde bei regulärer Spielfilmlänge alle Regisseure in den Wahnsinn treiben. Nicht so Lothar Lambert. Der zwar ein grobe Handlung vor Augen hat, aber wie immer ohne Drehbuch arbeitet und der Spontaneität den Vorzug gibt. Der nicht so fixierte Rahmen setzt eine Begeisterung frei, die der Ad-hoc-Idee den Vorzug gibt, was Lambert ein Vergnügen bereitet und seinen Filmen in jeder Sekunde anzumerken ist.

Den Satz „Allen tollen TV-Serien gewidmet, die mir das Leben versüßt haben“, hat Lothar Lambert der Fortsetzung seiner Trash-Komödie „Im tiefen Tal der Therapierten“ von 2008 vorangestellt. Ein wichtiger Hinweis nicht nur auf Lamberts Liebe zum Fernsehen, sondern gleichzeitig auf seine noch radikalere Schnittarbeit. Seine Vorliebe für serielle Formate wie die Telenovelas findet ihren Ausdruck in den kurzen Schnitten und den häufigen Szenenwechseln. Lothar Lambert hat noch einen Zahn zugelegt und die Verdichtung in den einzelnen Szenen intensiviert. Indem er eine Kapitelstruktur, Schwarzblenden und Zwischentitel nebst Rückblenden in Schwarzweiß einführt, erhält die Handlung eine enorme Rasanz. Die verschiedenen Handlungsstränge werden parallel erzählt.

Mit seinem 36. Film, mal wieder völlig ohne Budget, schaffte er es, in gewohnter Weise die als Lambert-Familie bekannte Horde an schauspiel- und filmbegeisterten Menschen zusammenzutrommeln. Lambert geht es in seinen Filmen nicht um die befriedigende Auflösung von Handlungssträngen, die das Leben selber ja auch nicht bereithält. Ihm bereitet es ein teuflisches Vergnügen, die bürgerlichen Subjekte in ihren alltäglichen Kämpfen mit ihren kleinen Lügen und klandestinen Obsessionen zu zeigen. Dass auch Psychotherapeuten dafür keine Lösungen anbieten können, zumal sie selber diverse „Päckchen“ zu tragen haben, die sich nicht wegsublimieren lassen, erfährt man spätestens im neuen Film. Das Leben, um es nochmals mit Pathos zu formulieren, hält bei Lambert ein nicht lösbares und unentwirrbares Chaos an Gefühlen und Trieben bereit, mit dem man sich mehr oder weniger würdig durchschlagen muss.

Mit dieser „Erkenntnis“ braucht es aber auch keine Katharsis, keine Lösung, denn der Weg ist das Ziel. Wie eine Versuchsanordnung zwängt Lambert seine Themenvielfalt in 82 Minuten und beobachtet seine Schauspieler – vorwiegend Laiendarsteller – vergnüglich dabei, wie sie mit großer Spielfreude ihrerseits die Szenen entwickeln. Für Lamberts Methode ist die Beteiligung von mehrheitlich „unverschulten“ Darstellern unabdingbar wichtig. Denn der Reiz seiner Filme beruht besonders auf der Gratwanderung zwischen Scham und Schamlosigkeit, die bei vielen Mitgliedern der Lambert-Familie spürbar ist. Wenn Hilka Neuhof ihrer Rolle entsprechend am Ende des Films eine demente und regredierte Frau spielt und sich selber wickelt, dann geht das schon nah an die Grenze des Erträglichen. Lambert bzw. Neuhoff kommen hier der traurigen und unlösbaren Tragik des Lebensendes verdammt nah.

Diese Gratwanderung und diese Ambivalenz machen den großen Reiz von Lamberts Filmen aus. Sein ganzes Werk versucht, das Leben jenseits ideologischer Brillen zu zeigen, und deshalb war Lambert auch nie für irgendeine political correctness empfänglich. Er vertraut auf die vielen kleinen miesen Dramen, die sich in jedem Leben abspielen, und auf die Protagonisten in der Wirklichkeit, die gezwungen sind, mit ihren Selbstlügen, Heucheleien und falschen Fassaden zu leben. Man kann sich kein neues Leben erfinden, aber jede und jeder wird konditioniert darauf, sich zu zügeln und sein Leben der protestantischen und jetzt eben neoliberalen Arbeitsethik zu unterstellen. Dann werden auch die kleinen Nischen akzeptiert, wo die braven Bürger mal ihre angebliche Wohlanständigkeit fahren lassen können. Und genau in diesem Feld, in diesem Grenzbereich liegt das Interesse von Lambert.

Vor diesem Hintergrund erfährt auch der vielleicht nicht so liebenswürdig gemeinte Titel „der Fassbinder für Arme“ eine andere und positive Konnotation. In seiner unverstellten Sicht auf die Menschen ist Lambert ein unbedingter Realist. Mit seinem Humor jedoch, der nicht nur von ihm, sondern von allen seinen liebenswürdigen Darstellern mitgetragen wird, erweist er sich nicht nur mit diesem Film als Überlebenskünstler und Mutmacher. Denn die Sicht auf die Wirklichkeit als Narrenschiff (oder als „Käfig voller Narren“), hat etwas Versöhnliches und kann das Unerträgliche etwas erträglicher machen.

Und immer wieder sind kleine schöne und bemerkenswerte Sätze zu hören, die fundamentale Erkenntnisse so ganz anders auf den Punkt bringen. „Hier stinkt keiner mehr, und es lacht auch keiner. In Indien stinken sie und lachen aber auch.“ Der Zusammenhang zwischen bedingungsloser Hygiene und Fehlen von Lebensfreude sollte unbedingt erforscht werden.

Matthias Reichelt