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Conrad Jennings, Rainer Werner Fassbinder, Ingrid Caven

 

1 Berlin-Harlem

1974, 16 mm (1:1,33; auch als 35 mm-Kopie vertrieben), s/w, 97 Min.

Regie, Buch, Produktion: Lothar Lambert, Wolfram Zobus. Kamera: Reza Dabui. Skip Norman. Ton: Shazi Montazami. Schnitt: Helga Schnurre. Musik: Jan Berger, Bob Burrows, Apparat Drei, Mody Vation. Claudia Barry singt „Berlin-Blue“.

Darsteller: Conrad Jennings, Louis Antonius, Claudia Barry, Arnold Bauer, Ortrud Beginnen, Tally Brown, Sabine Buschmann, Ingrid Caven, Peter Chatel, Rainer Werner Fassbinder, Sylvia Heidemann, Hansi Jochmann, Günter Kaufmann, Beate Kopp, Dietmar Kracht, Evelyn Künneke, Lothar Lambert, Y Sa Lo, Bernd Lubowski, Lothar Maass, Cullen Maiden, Alexander McDonald, Brigitte Mira, Tony Moore, Vera Müller, Christine Neumann, Alonzo & Mickey O'Neal, John Pegram, Jean Peppers, Hellmuth Pines, Duke Rogan, Percy Rutherford, Uwe Sange, Lee Stetson, Lynn Traeger, Ilse Trautschold, Wulf Weidner, Hildegard Wensch.

 

Der Titel bezieht sich auf die seinerzeit für ganz West-Berlin gültige Postleitzahl 1000, die gern abgekürzt wurde zu 1. Hinter den Ortsnamen wurde bei größeren Städten die Nummer des Postzustellbezirkes gesetzt. Daraus ergaben sich dann Bezeichnungen wie „1 Berlin 36“ oder „1 Berlin 44“.

Das Verbot des Films bei der Lambert-Retrospektive auf dem Festival von Toronto 1982 wurde in dem seinerzeit dort entstandenen Streifen Fräulein Berlin sogleich reflektiert: Die angereiste Protagonistin berichtet, daß ihr Streifen „Monster Woman“ nicht aufgeführt werden durfte.

Wohl wegen des Oralverkehrs, den Dietmar Kracht an Conrad Jennings im Strandbad Wannsee vollzieht – einer Szene, die schon anläßlich der Premiere von vielen Kritikern als allzu kraß bemängelt wurde –, ist der Film bis heute nicht im Fernsehen ausgestrahlt worden. 

 

Kurzinhalt

Ein in West-Berlin stationierter Schwarzer quittiert seinen Dienst in der US-Armee und zieht zu seiner (weißen) Freundin, die bereits ein kleines Kind von einem anderen Dunkelhäutigen hat. Nach einem Streit mit ihrer Familie entzweit er sich auch mit ihr. Er findet zwar eine Arbeit und neue Wohnmöglichkeiten, begegnet aber weiterhin immer wieder Rassismus, welcher sich auch in sexueller Zudringlichkeit äußert.

 

Inhalt (ENTHÄLT SPOILER)

Zunächst ein Zitat: „I am the man / I suffered / I was there – whitman“

Eine füllige Kneipenwirtin mit voluminöser Frisur spricht einen schwarzen GI an, der am Tresen sitzt: [weiter]

 

Lothar Lambert erinnert sich (2009)

Wie unsere vorherigen Filme entstand auch „1 Berlin-Harlem“ ohne ausgearbeitetes Drehbuch. Hier hatte es zwar eins gegeben, wegen der Filmförderung – fünfzigtausend Mark vom Kuratorium Junger Deutscher Film –, aber das einzige Exemplar hat Zobus bei einer Kneipentour irgendwo liegenlassen, und wir haben dann wieder improvisiert.

Für die Hauptrolle haben wir über die „BZ“ einen Darsteller gesucht. Da hat sich dann aber auch beispielsweise Claudia Barry gemeldet, diese Discoqueen. Ich fand sie so toll, daß wir für sie eine Rolle eingebaut haben. Viele Szenen sind auch hinzugekommen, als Fassbinder mitmachte. Dadurch, daß der Meister dabei war, ließen sich dann auch Leute wie Brigitte Mira, Günther Kaufmann oder Ortrud Beginnen gewinnen.

Den diversen Prominenten, wie sie bis heute in meinen Filmen auftauchen, bin ich nie hinterhergehechelt. Erst habe ich manche durch Interviews kennengelernt, die ich als Journalist gemacht habe, später hat sich das dann immer so ergeben, daß die in meinem Bekanntenkreis erschienen sind. Stefan Menche war mit Peter Chatel befreundet, den ich so ebenfalls kennenlernte und einfach mal bat, er solle Fassbinder fragen, ob er mitmachen wolle. Ohne daß ich mit ihm gesprochen hatte, tauchte er dann mit Ingrid Caven auf. Ich hatte ihn schon mal in Cannes interviewt und bei der Premiere von Praunheims „Berliner Bettwurst“ getroffen. Er hatte mir die Telephonnummer seiner Mutter gegeben, aber ich hab aus dem Kontakt nichts weiter gemacht. Ich habe, glaub ich, im Leben viele solcher Chancen ungenutzt gelassen.

Bei den Dreharbeiten, für die wir natürlich keine Genehmigungen hatten, gab es nirgends Probleme, auch nicht im Bahnhof Zoo oder vor den Andrews Barracks, dieser US-Kaserne in Lichterfelde, wo jetzt das Bundesarchiv sitzt. Im Strandbad Wannsee haben wir auch unbehelligt gedreht, wobei der mögliche Einsatz von Dildos in diversen Filmen der Spekulation des Zuschauers überlassen bleibt. Wegen der Oralsexszene durfte „1 Berlin-Harlem“ aber nicht bei der Retro in Toronto gezeigt werden. Ich habe mich geweigert, die Szene herauszunehmen, so haben wir dann stattdessen im Kino über Zensur diskutiert. Das Thema Schwarzer und Sex war damals schon ein Tabu, und dann auch noch schwuler Sex, das potenziert sich eben. Vermutlich ist der Film deshalb auch niemals im Fernsehen gezeigt worden. Schon als wir ihn seinerzeit im Hamburger Abaton vorgestellt haben, leerte sich der Saal rapide, als Dietmar Kracht zur Fellatio-Tat schritt.

Ich weiß gar nicht, was Conrad Jennings, der Hauptdarsteller, davon hielt. Das war so ein schwieriger Typ, was dann ja auch in die Rolle eingegangen ist. Er war auch wirklich Programmierer bei Siemens. Er war vorher schon in psychiatrischer Behandlung gewesen, bei diesem berühmten Psychiater Laing, dessen Neuerung es war, mit seinen Patienten in einer Wohnung zu leben (was sich nachher so ähnlich in „Was Sie nie über Frauen wissen wollten“ wiederfindet). Vielleicht ist er deshalb auch nach Berlin, um sich von seinen Problemen abzusetzen. Unser Liebesverhältnis war beendet und der Film sozusagen die Aufarbeitung dieser mißratenen Beziehung. Zobus und ich haben, wie gesagt, mit der „BZ“ einen Darsteller gesucht, aber kurz zuvor hatte ich Conrad von dem Projekt erzählt, und zu meinem größten Erstaunen war er bereit, quasi sich selbst zu spielen. Deshalb war es eigentlich ein bißchen unfair, noch andere Bewerber vorsprechen zu lassen, aber wir haben dann versucht, so viele wie möglich von ihnen in Nebenrollen unterzubringen. Unter anderem Cullen Maiden, der hat damals den Porgy gesungen in der Komischen Oper in Ost-Berlin – er spielte den Aktivisten in der Vietnam-Runde. Vor etwa einem Jahr kriegte ich einen Anruf von jemandem, der sagte: „Ich war mit Conrad Jennings in einer psychiatrischen Einrichtung, er ist jetzt schon fünfzehn Jahre tot, gestorben an einem Herzproblem.“ Nachdem der Film abgedreht war, sind wir uns nie wieder begegnet. Mein Bedürfnis nach einer Auseinandersetzung mit ihm war damit erledigt. Ich weiß nicht mal mehr, ob er „1 Berlin-Harlem“ jemals gesehen hat. 

 

Kritische Anmerkungen

„1 Berlin-Harlem“ ist der krönende Abschluß des gemeinsamen Filmschaffens von Lothar Lambert und Wolfram Zobus. Ein, im Vergleich zu den vorherigen Arbeiten, „groß“ wirkender Streifen: Mit eigenständiger, langer Vorspannsequenz (bis heute behandelt Lambert Vor- und Abspänne eher stiefmütterlich), mit einem Aufmarsch Prominenter, „sauberem“ Ton und eigens geschriebener Musik, von ungewöhnlicher Länge (Lamberts Filme sind oft nur knapp abendfüllend, die 97 Minuten von „1 Berlin-Harlem“ hat bis heute kein weiteres Werk erreicht), auch im „normalen“ Kinofilmformat 35 mm vertrieben und eine bemerkenswert große Resonanz findend.

Letzteres mag insbesondere dem Thema geschuldet sein, das die meisten hier behandelt sahen: Den ebenso alltäglichen wie oft latenten, von den „Tätern“ kaum registrierten Rassismus in der bundesdeutschen Gesellschaft der damaligen Gegenwart. Freilich wurde dieser Anspruch ein wenig konterkariert dadurch, daß man die Hauptfigur – wie bei Lambert so oft – wohl der Persönlichkeit ihres Darstellers nachempfand. Jener Ex-GI, den es da auf eine Odyssee durch das West-Berlin der siebziger Jahre verschlägt, wirkt ziellos und unzugänglich. Er erklärt gern, Zeit für sich zu benötigen, mit der er aber anscheinend auch nichts anzufangen weiß. Er zeigt sich sehr empfindlich, wenn es darum geht, wie man ihm begegnet, und ist genervt, wenn man irgendwelche Forderungen an ihn stellt. Andererseits behandelt er seine Mitmenschen auch recht ruppig und scheint sich nur insofern für sie zu interessieren, als er sie braucht. Natürlich haben auch die Angehörigen aller möglichen Minderheiten ein Recht darauf, nicht pflegeleicht zu sein. Allerdings lassen sich die Probleme des recht wortkargen Protagonisten hier angesichts seines Charakters leicht abtun als von ihm selbst zumindest mitverursacht, als von der Hautfarbe oft unabhängige Schwierigkeiten eines beziehungsgestörten, introvertierten, egozentrischen Außenseiters mit niedriger Frustrationsschwelle. Zudem erscheint als die schlimmste und am weitesten verbreitete Form des Rassismus gegenüber Menschen mit schwarzafrikanischen Wurzeln, daß man ihnen eine besonders große sexuelle Potenz unterstellt. Etwas das, ebenso wie die Betrachtung als Lustobjekt, zumindest aus heutiger Sicht auch als Schmeichelei empfunden werden könnte.

Wie diversen anderen Lambert-Werken ist „1 Berlin-Harlem“ ein Zitat vorangestellt und wird der Film durch Zwischentitel gegliedert. Gleich in den ersten Minuten zieht sich der Hauptdarsteller vor der Kamera aus, und zwar vollständig, und man sieht auch alles. Wie aus den weiteren Nacktszenen spricht daraus nicht nur Lust an der Provokation bzw. an dem, was erst seit kurzem halbwegs erlaubt ist, sondern auch das Bemühen um Ehrlichkeit: Warum nicht zeigen, wie es ist, warum krampfhaft wegschwenken, „dezente“ Bildausschnitte suchen, warum die Menschen nicht nackt auftreten lassen, wo sie nun einmal nackt sind – etwa in ihrem Schlafzimmer? Dasselbe gilt für Sexszenen, von denen zumindest jene im Strandbad Wannsee noch heute zahlreiche Zuschauer zu verstören scheint. Man fragt sich, warum. Gibt es doch neben dieser Fast-Vergewaltigung des Protagonisten durch einen ihm völlig Fremden einen weiteren, recht detailliert gezeigten schwulen Beischlaf, über den sich aber offenbar niemand aufgeregt hat. (Bei heterosexuellen Intimitäten erwartet man ja ohnehin keinen Protest.)

Lothar Lamberts nachfolgende Arbeiten haben wieder stärker experimentellen Charakter, wirken wie weitere Fingerübungen. Erst mit „Die Alptraumfrau“ gelingt ihm ein halbes Jahrzehnt später ein vergleichbar „großer“ Film, dem dann unmittelbar andere seiner besten und bedeutendsten Streifen folgen.

J.G.  

 

 

Plakat zur Berliner Erstaufführung