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Lothar Lambert, Dagmar Beiersdorf

 

Nachtvorstellungen

1977, 16 mm (1:1,33), Farbe, 60 Min.

Regie, Buch, Schnitt, Produktion: Lothar Lambert (unter Verwendung von Material aus Harry Puhlmanns unvollendetem Filmprojekt „Der Türke war zu schön“). Kamera: Reza Dabui.

Darsteller: Lothar Lambert, Cihan Anasal, Dagmar Beiersdorf, Beate Hasenau, Sylvia Heidemann, Mustafa Iskandarani, Dorothea Moritz, Ethel Reschke, Erika Wilde.

 

Kurzinhalt

Einen jungen Verwaltungsangestellten verschlägt es nach einem abendlichen Streit beim Brettspiel mit seiner Freundin und seiner mütterlichen, dominanten Schwester, mit der er zusammenlebt, in ein Kino. Dort läuft ein Film, der eine Situation beschreibt, welche der seinen auffallend gleicht: Ein junger Beamter, der bei seiner dominanten Mutter wohnt, entflammt für einen jungen, türkischen Antragsteller, bricht mit seinem bisherigen Leben und seiner Dauerverlobten, die im gleichen Amt arbeitet, zieht mit dem Türken zusammen und veruntreut schließlich zu dessen Gunsten Geld. Parallel zu dieser Handlung des Films im Film wird geschildert, wie der Angestellte, der ihn sich immer wieder ansieht, einen Bewußtwerdungsprozeß durchläuft.

 

Inhalt (ENTHÄLT SPOILER)

Die erste Einstellung beginnt mit dem Schwenk von einem Gemälde auf das kleinbürgerliche Idyll darunter: Ein Mann und zwei Frauen beim Halma-Spiel – Andreas, ihm gegenüber seine Freundin Angelika, zwischen beiden seine mütterliche Schwester Gerda. Angelika möchte lieber tanzen gehen. [weiter]

 

Lothar Lambert erinnert sich (2009)

Harry Puhlmann war ein entfernter Bekannter von mir. Er spielte in „Faux Pas de deux“ mit, als der Aufseher bei der Ausstellung in der Akademie der Künste, den Uwe später vorm Filmkunst 66 wiedertrifft und der ihn dann in seiner Wohnung zu verführen versucht. Und Puhlmann war mit Beate Hasenau befreundet, mit der ich auf diese Weise in Kontakt kam. Er wollte auch immer einen Film machen, da hab ich ihn mit Sylvia Heidemann zusammengebracht. Die Handlung war angeregt durch eine Meldung in der „Berliner Morgenpost“, die den gleichen Titel trug, den Puhlmanns Film haben sollte: „Der Türke war zu schön“. Er hat zu drehen begonnen, ich hab die Hauptrolle übernommen, aber irgendwann war das Geld, das Sylvia Heidemann ihm gegeben hatte, alle. Sie hatte das Gefühl, das wird nichts, hat ihm die Fragmente abgekauft und sie mir überlassen, damit ich daraus einen neuen Film machen konnte. Als der dann fertig war, hat Puhlmann mich vor Gericht gezerrt. Er hat auch einigen Wirbel in der Presse veranstaltet, unter anderem gab es plötzlich eine große Schlagzeile in der „Bild“-Zeitung: „Beate Hasenau entsetzt: Wie kommt der Pornomann in meinen Film?“ Damit war ich gemeint, weil es in der Rahmenhandlung, die ich hinzugefügt hatte, eine Szene mit angedeuteter Masturbation gibt. Das war schon merkwürdig: Obwohl ich ein Kollege war und auch für Springer gearbeitet habe, hatten die’s nicht für nötig befunden, sich mal bei mir zu erkundigen, was an der Sache dran ist. Die Schlagzeile war wahrscheinlich einfach zu schön. Das Gericht entschied jedenfalls, ich müßte den Hinweis anbringen: „Unter Verwendung eines Films von Harry Puhlmann“. Dabei ist sein Film ja nie fertiggeworden. Ich glaub, ich hab alles, was er gedreht hatte, in „Nachtvorstellungen“ verwendet.

Rosa von Praunheim hab ich in jener Zeit mal für die Berliner Stadtzeitung „Tip“ interviewt und ihn bei der Gelegenheit gefragt, ob er die Hauptrolle in der Rahmenhandlung übernehmen würde. Ein Drehbuch gab es natürlich nicht, aber die Geschichte war ihm wohl schon von der Grundidee her zu spießig. Dann habe ich eben auch diesen Part gespielt. Darauf, daß man die beiden Handlungsstränge stärker voneinander abgrenzen könnte, etwa indem man die Rahmenhandlung in Schwarzweiß dreht, bin ich gar nicht gekommen. Das war ja erst mein zweiter Farbfilm, und Farbfilm war damals noch eine Prestigefrage, auch weil das Material teurer war. Ich war so stolz und freute mich so darüber, in Farbe drehen zu können, daß ich den Teufel getan hätte, das freiwillig in Schwarzweiß zu machen.

Manfred Salzgeber, der zu seiner Zeit beim Kino Arsenal noch ein richtiger Gegner von mir gewesen war, änderte seine Meinung. „Nachtvorstellun­gen“ brachte er im damals von ihm betriebenen Zehlendorfer Bali heraus und parallel dazu im Yorck-Kino – in dem großen alten Saal, der 1980 zum Supermarkt wurde. Die Kritiken fand ich aber etwas enttäuschend. Allerdings hatte ich immer das Gefühl, ich hätte den Film zu wenig provokativ gemacht. Heute finde ich ihn aber gar nicht so kitschig und verniedlicht. Oder liegt es daran, daß man inzwischen durch die Fernseh-Soaps noch ganz andere Kitschkaliber gewöhnt ist? Heute finde ich „Nachtvorstellungen“ ganz rund in seiner Ironie und seinem Witz. Letzten Endes ist das ja eine Komödie. Bei Harry Puhlmanns Fragment unfreiwillig, aber das kann man ja genießen durch die Rahmenhandlung.

 

Kritische Anmerkungen

Bereits in „Ex und hopp“ besuchte eine Hauptfigur – es war sogar die von Lothar Lambert gespielte – ein Kino, in „Ein Schuß Sehnsucht – Sein Kampf“ wurden Amateuraufnahmen vorgeführt, in „1 Berlin-Harlem“ und „Faux Pas de deux“ kam es zu  bemerkenswerten Begegnungen vor einem Lichtspielhaus. In „Nachtvorstellungen“ war dann endlich der Film wichtig, der im Film gesehen wurde. Solche Situationen sollte es auch im weiteren Werk Lothar Lamberts immer wieder geben, gehört er doch zu jenen Filmemachern, die ihr Metier sowie die Faszination und die Wirkungsweise des Kinos häufig reflektierten und ironisierten (unter seinen reinen Spielfilmen am ausgiebigsten in „Fucking City“, „Fräulein Berlin“, „Blond bis aufs Blut“ und „Verdammt in alle Eitelkeit“). Letzteres in „Nachtvorstellungen“ am deutlichsten, als der Protagonist der Rahmenhandlung gegenüber seiner Freundin bemerkt, der – ebenfalls von Lambert gespielte – Held des von ihnen angeschauten Streifens sehe ihm ähnlich, sie dies aber bestreitet.

Daß in Lambert-Filmen Filme angeschaut wurden, hatte freilich auch mehrmals mit einer Art „Resteverwertung“ zu tun: Mit „Liebe, Tod und kleine Teufel“ wurde eine Kurzfassung der Auftragsarbeit „Gestatten, Bestatter!“ geboten, in „Die Liebeswüste“ präsentierte Lambert die kümmerlichen Fragmente eines Streifens, den das Kopierwerk größtenteils zerstört hatte. In „Nachtvorstellungen“ war es Harry Puhlmanns unvollendetes Filmprojekt „Der Türke war zu schön“, aus dem noch „etwas gemacht“ werden sollte, indem die bereits gedrehten Szenen mit einer Rahmenhandlung versehen wurden. Daß in dieser der Protagonist zu sich selbst und seiner wahren sexuellen Identität findet (beides dem damals herrschenden Zeitgeist zufolge wohl aufs Engste miteinander verbunden, wenn nicht gar deckungsgleich), dem Kino also regelrecht eine therapeutische Wirkung zugeschrieben wird, ist sicher das Schönste an „Nachtvorstellungen“.

Die Idee, die verklemmte bis frustrierte Hauptfigur auch in der Rahmenhandlung von Lambert spielen zu lassen, erscheint hingegen als weniger gut. Trotz des Vollbartes, den er dort, anders als im Film im Film, trägt: Es besteht die Gefahr, daß der Zuschauer die zwei Ebenen durcheinanderbringt und generell etwas den Faden verliert, zumal beide Handlungen einander eben sehr ähneln und jene mit der Mutter und dem Türken nicht chronologisch geschildert wird.

Neben der Reflektion und der Ironie finden sich in „Nachtvorstellungen“ einige weitere für Lambert-Filme typische Elemente: Kommentierend eingesetzte Musik, gegen Ende eine resümierende Montage kurzer Erinnerungsfetzen der Hauptfigur, es wird mal wieder getanzt und in einem wesentlichen Moment des Selbstfindungsprozesses masturbiert. Auch dieser Prozeß, überhaupt das gesamte Thema einer psychischen Reifung und womöglich Befreiung – für den Helden der Rahmenhandlung deutet sich hier ein Happy End an –, sind natürlich Lambert- und zugleich zeittypisch. Ebenso wie der Titel dieses Films, der eher als eine weitere, durch die Aufgabe zur „Resteverwertung“ ermöglichte Fingerübung angesehen werden kann: Die Doppeldeutigkeit der „Nachtvorstellungen“ erschließt sich heute, in der Ära der neuen Spießigkeit, wo selbst Berliner Kinos es als sensationelle Nachricht verkünden, am Wochenende nach 23 Uhr noch einen Film zeigen zu wollen, nicht so recht. In den siebziger und auch in den achtziger Jahren war es hingegen normal, daß Vorstellungen um 22 Uhr, 23 Uhr oder selbst noch nach Mitternacht begannen. Und zwar auch werktags.

J.G.