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Illustration (Postkarte) von Sigurd Wendland 

 

Gut drauf, schlecht dran

1993, 16 mm (1:1,33), Farbe, 70 Min.

Regie, Buch, Schnitt, Produktion: Lothar Lambert. Kamera, Musik: Albert Kittler.

Darsteller: Dagmar Beiersdorf, Dorothea Moritz (1. Episode), Stephanie Hofmeister, Klaus Redlich (2. Episode), Renate Soleymany (3. Episode), Baduri, Lothar Lambert (4. Episode), Doreen Heins, Stefan Menche (5. Episode), Erika Rabau, Bernd Lubowski (6. Episode), Beate Kliebenstein, Guido Kliebenstein (7. Episode), Nilgün Taifun, Manni Weller, Doris Densow (8. Episode).

 

Kurzinhalt

Acht kurze Episoden über psychische und sexuelle Nöte und Freuden von Menschen im damaligen Berlin: Zwei altjüngferlich wirkende Spießerinnen plaudern auf der Straße miteinander, dabei den Umzug zum Christopher Street Day beobachtend. Ein Mädchen versucht, die im Bett plötzlich aufgetretenen Potenzprobleme seines ebenso jungen Freundes zu lösen. Eine Frau ruft nach und nach ihren gesamten Bekanntenkreis an, weil sie sich mit irgend jemandem treffen möchte. Ein älterer Deutscher begegnet vor seinem Haus zufällig einem jungen Orientalen. In einem unwirtlichen Stadtgebiet versucht eine Frau, einem Mann zu entkommen, der sie offenbar vergewaltigen will. Eine Frau wird in ihrer Wohnung von einem penetranten Vertreter belästigt. Eine Frau und ihr kleiner Sohn erleben Mysteriöses am Grab von Marlene Dietrich. Eine Frau berichtet im Gefängnis über ihren Umgang mit Männern.

 

Inhalt (ENTHÄLT SPOILER)

Die Kamera fährt aus einem dunklen Treppenhaus in einen grauen Hinterhof, schwenkt die Fassaden ab, verschwindet schließlich im Eingang des Hinterhauses. Ein Zimmer mit Plakaten von Lothar-Lambert-Filmen an der Wand. Auf einem Tisch das Buch „Lambert Underground“, ein maschinegeschriebener Brief, ein Umschlag, ein Telephon, Schreibtischutensilien. Aus dem Off verliest Lothar Lambert das an ihn gerichtete Kündigungsschreiben des Vermieters der Wohnung in der Oppelner Straße, der Caligula GmbH. [weiter] 

 

Lothar Lambert erinnert sich (2010)

„Gut drauf, schlecht dran“ war so ein Zwischendurchfilm: Es zog sich hin, bis „In Haßliebe Lola“ realisiert werden konnte, da habe ich erstmal diesen Episodenfilm gedreht, als Fortsetzung von „Verbieten verboten“. Ich wollte noch einmal kurze Geschichten erzählen. Das fordert einen ja auch nicht so: Die Episoden habe ich jeweils an einem einzigen Tag gedreht, manchmal nur an einem halben. Und wenn man eine fertig hat, ist man erstmal beruhigt und kann sich in Ruhe für eine weitere stark machen. Bei einem längeren Film bist du immer unruhig, bis du den letzten Meter im Kasten hast. So könnte man zum Beispiel auch eine Sammlung von Kurzfilmen machen, von denen jedes Jahr einer entsteht, und nach fünf Jahren kommt diese Sammlung heraus.

Die Ideen sind unterschiedlich entstanden. Die Marlene-Episode beispielsweise dadurch, daß ich an Aufnahmen kam, wo ein Transvestit die Dietrich so perfekt nachmachte, daß ihre Tochter meinte, es wäre ihre Mutter. Sie beauftragte einen Rechtsanwalt damit, dem Sender Freies Berlin zu untersagen, den Film ein weiteres Mal auszustrahlen. Diese Tonbänder tauchen noch einmal kurz in „Blond bis aufs Blut“ auf.

Ganz zu Beginn geht es um den Versuch, mich aus der Erdgeschoß-Hinterhofwohnung in Kreuzberg zu schmeißen. Aber der Vermieter ist mit dieser Kündigung nicht durchgekommen. Das war so ein ganz altes Männchen, das plötzlich durchs Fenster hereinguckte und „Guten Tag“ sagte – also etwa so, wie es mehrmals in „Du Elvis, ich Monroe“ geschieht. Seine Firma hieß wirklich Caligula GmbH. Aus Nostalgiegründen habe ich diese Wohnung bis vor ein paar Jahren behalten, mein Schneidetisch stand noch dort, teilweise habe ich da auch Gemälde gelagert, als mein Atelier in Moabit renoviert wurde. Michael Sittner hat dort noch seinen Film „Das Bonobo-Prinzip“ gedreht. Ich habe dieses Domizil ganz schweren Herzens aufgegeben, als die neuen Eigentümer mit Sanierung drohten und ich der letzte im Haus war, der sich noch dagegen gewehrt hätte.

Als „Gut drauf, schlecht dran“ entstand, hatte ich gerade zu malen begonnen, und meine ersten zehn Bilder habe ich gleich in den Film eingebaut. Er hat keine Zwischentitel und man erfährt erst im Abspann, wie die Episoden heißen. Denn die erste, mit den beiden Frauen, die sich auf dem Ku’damm begegnen, wird ja im Laufe des Films mehrmals fortgesetzt. Hätte man da schreiben sollen: „Erster Teil“, „Zweiter Teil“? In Wahrheit stehen Dorothea Moritz und Dagmar Beiersdorf übrigens nicht auf dem Kurfürstendamm am Breitscheidplatz, sondern auf Dagmars Balkon, wo wir ein paar Plakate als Hintergrund angebracht haben. In „Gut drauf, schlecht dran“ ist ihr Gespräch aber viel komödiantischer als in „Verbieten verboten“, fast klamottig.

Das Makabre an der Episode, in der Erika Rabau Bernd Lubowski niederschlägt, ist, daß er kurz darauf wirklich gestorben ist: Am Ende der Berlinale 1993, bei der der Film uraufgeführt wurde. Er saß am Abend erschöpft zuhause auf der Couch, seine Frau ging hinaus, Tee kochen, kam wieder, und er war tot. Am Anfang der Szene sollte Erika ihn fragen, ob er von der Stasi sei. Aber obwohl sie sonst immer macht, was man ihr sagt, hat sie sich strikt geweigert, sowas „Politisches“ zu sagen.

Ausnahmsweise habe ich bei diesem Film mal Verwandte vor die Kamera geholt: In der Marlene-Episode meine Cousine Beate Kliebenstein und ihren Sohn Guido. Beate hatte im Osten öfter bei Amateurkabaretts mitgearbeitet, daher hatte sich das angeboten. Guido trat noch einmal in „Qualverwandt“ auf, als Sohn von Michael Sittner.

„Gut drauf, schlecht dran“ war seit „Tiergarten“ meine erste „No-Budget-Produktion“ in Farbe. Wahrscheinlich wollte ich so einen gewissen Kontrast zu „Verbieten verboten“ schaffen. Vor allem aber hatte sich die Kostensituation umgekehrt: Inzwischen war Schwarzweiß- teurer als Farbfilmmaterial. Und bei den Fernsehanstalten wurde es bemängelt, wenn etwas nicht in Farbe war. Es machte also keinen Sinn mehr, in Schwarzweiß zu drehen: Es war teurer und überall unbeliebter, jeder hat es plötzlich verbunden mit etwas Billigem, Überholtem. Heute hat es wieder diesen Kunstcharakter, weil es so selten geworden ist, daß es als ganz große ästhetische Entscheidung gilt, wenn man in Schwarzweiß dreht.

 

Kritische Anmerkungen

„Gut drauf, schlecht dran“ ist nicht nur Lothar Lamberts erste Ein- bzw. Zwei-Mann-Produktion in Farbe seit „Tiergarten“. Generell schafft er – auch angesichts der Tatsache, daß er bald nur noch auf Video drehen soll – von da an keine Schwarzweißfilme mehr. Lamberts zweiter (und bislang letzter) Episodenfilm knüpft an „Verbieten verboten“, seinen sechs Jahre zuvor entstandenen ersten, vage an. Eine direkte Fortsetzung stellt lediglich die Szene der beiden spießigen Nachbarinnen dar, welche sich diesmal nicht vor dem Theater des Westens treffen, sondern „Mitten auf dem Kurfürstendamm“, (West-) Berlins Boulevard, der in Lamberts Filmen immer wieder als Bühne, Laufsteg, zentraler Treffpunkt der Stadt, an dem das „wahre Leben“ tobt, auftaucht. Inzwischen freilich ist die Mauer gefallen, Berlin wiedervereinigt worden, und so erörtern auch die zwei zuweilen etwas begriffsstutzigen Tratschtanten, wie sich der Ku’damm und die gesamte Stadt verändert haben. Anders als in „Verbieten verboten“ wird diese Szene hier nicht auf eine Episode zu Beginn des Filmes beschränkt, sondern in dessen Verlauf mehrmals fortgesetzt. Da dies jedoch nicht bis zum Schluß geschieht, bildet sie in „Gut drauf, schlecht dran“ eher einen roten Faden als einen Rahmen.

Die anderen Episoden bereichern das in „Verbieten verboten“ behandelte Thema um weitere Variationen: Die Suche von Großstadtmenschen nach Sex, Liebe, Freundschaft, Zuneigung oder wenigstens irgendwelchen Kontakten, die teils verzweifelten Verrenkungen, die die psychisch oft bereits Gebeutelten dabei unternehmen, die bizarren Ergebnisse ihres Bemühens, die wundersamen Ausformungen menschlicher Beziehungen. Dazu, als Beispiele eher unerwünschter Begegnungen: Die Belästigung einer Frau durch einen Vertreter für Zeitschriftenabonnements und ein surreales Erlebnis am Grab der damals jüngst verstorbenen Marlene Dietrich. Und als Prolog der Versuch, Lambert aus Kreuzberg zu vertreiben. Wieder erprobt der Filmemacher bei all dem unterschiedliche Erzählweisen, verzichtet sogar weitgehend auf für sein Filmschaffen typische Versatzstücke. Mit bewährter Selbstironie baut er Neues ein: Einige seiner ersten Gemälde, über die – wie in „Blond bis aufs Blut“ – sich aber wenig positiv geäußert wird.

Insgesamt wirkt „Gut drauf, schlecht dran“ trotz der farbigen, relativ „sauberen“ Bilder noch düsterer als „Verbieten verboten“, verstörende oder trist endende Episoden dominieren. Besonders hervor sticht dabei wiederum die Leistung von Renate Soleymany in einem Minidrama, hier als Frau, die mit einer Reihe von Telephonaten zunehmend verzweifelt versucht, sich mit irgendeinem ihrer Freunde und Bekannten zu treffen: Eine absolut überzeugende und deshalb berührende Darstellung dieser Amateurmimin, die einem professioneller Schauspieler nicht besser hätte gelingen können.

J.G.