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Lothar Lambert 

 

Ex und hopp

1972, 16 mm (1:1,33), s/w, 56 Min.

Regie, Buch, Ton: Lothar Lambert, Wolfram Zobus. Kamera: Wolfram Zobus. Schnitt: Helga Schnurre. Produktion: Lothar Lambert.

Darsteller: Lothar Lambert, Wolfgang Breiter, Helga Schnurre, Tilman Hemp, Klaus Nomi, Karla Schilling, Inge Bongers, Heidi Nielsen, Dagmar Beiersdorf u.a.

   

Kurzinhalt

Die Odyssee zweier Rauschgiftsüchtiger, die gemeinsam dem Entzug in der Nervenklinik entflohen sind, durch West-Berlin. Bruchstückhaft wird geschildert, wie die beiden jungen Männer – auf getrennten Wegen – bei Verwandten, kurzzeitigen (Sex-) Partnern und Partnerinnen oder politisch links Engagierten nur auf Egoismus und Unverständnis stoßen, derweil auch sie selbst beziehungsunfähig sind.

 

Inhalt (ENTHÄLT SPOILER)

Während der ersten Szene wird auf einem Zwischentitel Jack Kerouac zitiert: Was ist Dein Weg, Mensch? / Weg für heilige Knaben, / Weg für Verrückte, / Regenbogen-Weg, / Idioten-Weg, / irgendein Weg…

Zwei junge Männer flüchten aus, wie man später erfährt, der Berliner Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (umgangssprachlich bezeichnet als „Bonnies Ranch“), zerstreiten sich aber rasch und trennen sich. [weiter] 

 

Lothar Lambert erinnert sich (2009)

„Ex und hopp“ war ursprünglich zwei Stunden lang. Wir haben ihn zum ersten Mal auf einer Silvesterfeier gezeigt, und natürlich war die Aufmerksamkeit der teilweise angetrunkenen Leute geteilt. Da haben wir das Gefühl gehabt, so können wir ihn nicht präsentieren, und dann die Hälfte rausgeschnitten. Das war mit Helga Schnurre, die bei unseren Filmen als Cutterin gearbeitet hat, bis sie nicht mehr konnte, bis es ihr zu widerlich war, bei „1 Berlin-Harlem“. Da hab ich dann begonnen, allein zu schneiden. In der gekürzten Fassung hab ich „Ex und hopp“ Franz Stadler vom Filmkunst 66 (das damals ein wichtiges Berliner Alternativkino war) angeboten, ob er den Film mal in einer Spätvorstellung zeigen könnte. Er wollte ihn aber gleich richtig einsetzen, vierzehn Tage lang, und die Zuschauerzahlen waren auch überraschend gut. Als Werbung hatten wir uns einfallen lassen: „Der billigste Film aller Zeiten“ und „Berlins Antwort auf Andy Warhol“.

Schon bei „Ex und hopp“ haben wir Handzettel produziert, in DIN A4: Auf der einen Seite Photos und Ausschnitte aus positiven Kritiken, auf der anderen das Plakatmotiv. Davon haben wir ziemlich viele drucken lassen und sind dann in die Kneipen, haben den Leuten die Zettel einfach auf den Tisch geknallt, sie im Studentendorf Schlachtensee und an den Unis massenhaft geklebt. Diese Reklamestrategie haben wir jahrelang durchgezogen.

Der andere Hauptdarsteller neben mir, den muß ich aus ’ner schwulen Kneipe gekannt haben, der war so richtig aus dem Milieu. Vielleicht auch Stricher. Klaus Nomi kannte ich vermutlich auch aus einem Schwulenlokal oder aus der Deutschen Oper, wo er Beschließer war. Das ist der mit dem Vollbart, der diese Wagner-Arie singt. Ich hab ihm gesagt, er soll absichtlich ein paar Töne versemmeln, damit man nicht denkt, es sei ein Playback. Das Mädchen, bei dem ich Unterschlupf finde, war eine Freundin von Dagmar Beiersdorf. Dann haben Kollegen vom „Abend“ mitgespielt: Die Filmkritikerin Inge Bongers stand hinterm Tresen, so ein blonder Typ, mit dem ich in der Kneipe sitze und quatsche, war ein Sportreporter.

Dieses Lokal war, wie es auch im Film genannt wird, der „Leuchtturm“ in der Schöneberger Crellestraße. Eigentlich keine schwule Kneipe, weshalb Manfred Salzgeber so sauer war und zum Boykott des Films aufrief, als der während der Berlinale in einer Sondervorführung lief: Die schwule Szene würde nicht authentisch gezeigt. Aber dreh mal in einem richtigen Schwulenlokal! Meine Kneipe war der „Leuchtturm“ nicht, also muß es die von Zobus gewesen sein. Und es war auch nicht meine Geschichte: Ich habe mein Leben lang nichts mit Rauschgift zu tun gehabt, außer daß ich mal Hasch genommen und wochenlang Halluzinationen hatte, da muß irgendwas beigemischt gewesen sein. Aber die kleinen experimentellen Spielereien in diesem Film, wie auch in „Sein Kampf“, waren wohl von mir. Sonst hat Zobus immer die Kamera gemacht. Ich hatte nur eine ganz kleine, alte von Kodak, wo nur fünfzehn Meter Rohfilm reingingen. Verkauft wurden aber bloß Spulen mit mindestens dreißig Meter, das Material mußte ich dann immer unter der Bettdecke zerschneiden.

Das Negativ von „Ex und hopp“ lag, wie das von „Kurzschluß“, in Tempelhof, auf dem Gelände, wo seit den frühen Achtzigern die alternative Ufa-Fabrik ist. Das Kopierwerk wurde aufgelöst, und es stellte sich heraus, daß dort von dem Film nichts mehr vorhanden war, außer der Karteikarte. Ich habe dann 1982 von der einzigen Kopie, nachdem ich ein paar besonders brüchige Stellen herausgeschnitten hatte, ein neues Negativ ziehen lassen.

Unser erster gemeinsamer Filmversuch ist ganz verschollen. Wir hatten nach „Kurzschluß“ schon einmal versucht, einen Spielfilm zu machen. Ich glaube mit schwuler Thematik. Wir hatten Szenen gedreht, wo so ein blonder Darsteller und ich uns kitschig unter einem Baum küssen und wir an den Königskolonnaden am Kleistpark umherwandeln. Das ist alles geklaut worden aus einer Garage, auch die alten Acht-Millimeter-Filme von meinen Eltern und mir, meine frühen Sechzehn-Millimeter-Filme, fertige Kurzfilme, die ich auch aufgeführt hatte, wie etwa „Wannsee Girls“.

Für „Ex und hopp“ gab es hinterher im Rahmen des Berliner Kunstpreises etwas Geld. Und als meine Mutter die Kritiken las, in denen es hieß, in dem Film gehe es um Homosexuelle und Rauschgiftsüchtige, war sie so taktvoll, nicht zu fragen: „Bist du schwul?“ Sie fragte nur: „Du nimmst aber kein Rauschgift?“ 

 

Kritische Anmerkungen

Der erste längere Film von Lambert und Zobus zeugt in verschiedener Hinsicht vom Zeitgeist der frühen siebziger Jahre: Der Streifen spielt unter jungen Rauschgiftsüchtigen und greift damit die in jener Zeit eskalierende Drogenproblematik auf – ein Phänomen einer Ära des großen Experimentierens, der Aus- und Aufbruchsversuche, von denen manche eben leider auf einen Holzweg führten. Zumindest aus heutiger Sicht bezeichnend wirkt auch die naiv und unschuldig anmutende Freude an der Nacktheit und an der Sexualität (genauer: an der Darstellung von Sexualakten), welche aus „Ex und hopp“ spricht und ihn zu einem Dokument der sexuellen Revolution macht: Jede Möglichkeit scheint genutzt worden zu sein, sich nackt vor der Kamera zu präsentieren bzw. Nacktheit mit der Kamera festzuhalten. Ein fröhlicher Tabubruch, wie auch der Blick auf ein sonst wohl eher ver- denn beachtetes Milieu, wie auch die „rüde“ Form, in der dies alles festgehalten worden ist – eben „Underground“ in seiner klassischen Gestalt. Für die damalige Zeit typisch ist zudem das Interesse, welches diesem Tabubruch entgegengebracht wurde, von der allgemeinen Öffentlichkeit (der Streifen fand relativ viel Publikum) wie der fachlichen: Heute erstaufgeführt, würde ein Film wie „Ex und hopp“ in den etablierten Medien (zu denen ja längst auch die einstmals alternativen zählen) bestenfalls noch mit einigen Zeilen bedacht, vermutlich aber weithin ignoriert. Vor fast vierzig Jahren gab es kritische Würdigungen in der „Welt“, der „Berliner Morgenpost“, der renommierten „Zeit“ oder dem Boulevardblatt „BZ“. Es war, wie gesagt, eine Ära der Aus- und Aufbrüche, voller Lust an Experimenten, Neuerungen, Unkonventionellem. Und vergleicht man dies mit der heutigen Situation, erkennt man, wie weit Kultur und Medien inzwischen in Mainstream und Mutlosigkeit erstarrt sind, wie weit wir ganz allgemein heruntergekommen sind.

Dabei hat „Ex und hopp“ manche Mängel: Von einer Dramaturgie ist – nach dem exemplarisch ruppigen Vorgehen, den mit seinen ursprünglich zwei Stunden Laufzeit als zu lang empfundenen Film mal eben um die Hälfte zu kürzen – nicht mehr viel zu spüren. Man hat tatsächlich den Eindruck, die von der verhackstückten Handlung übriggebliebenen Szenen wären einfach aneinandergereiht worden. Sorglos wurden auch erkennbare Anfängerfehler im fertigen Film gelassen: Beispielsweise beginnt die Sequenz mit dem im Streit endenden Gespräch zwischen dem von Lambert gespielten Protagonisten und seiner zeitweiligen Freundin am Kanal mit einer Einstellung, in welcher man die beiden Akteure am Anfang noch in Warteposition stehend sieht. Erst einen Moment später laufen sie los. Hier etwas später zu schneiden, „in den Gang hinein“, wäre um so einfacher gewesen, als der Dialog ohnehin aus dem Off kommt (wenngleich in „Ex und hopp“ noch mehr mit Direktton gearbeitet wurde als in späteren Lambert-Filmen). Wohlwollend könnte man allerdings auch sagen, die Macher wollten auf die Künstlichkeit des Geschehens hinweisen, darauf, daß das Gezeigte inszeniert ist.

In „Ex und hopp“ tauchen auch diverse weitere Motive, Themen und Anspielungen auf, welche sich in Lambert-Filmen immer wieder finden lassen sollten: Das Posieren vor dem Spiegel – hier noch zur Überprüfung der eigenen Attraktivität, später, oft verbunden mit Tanz, ein Moment der Selbstvergewisserung und Selbstfindung. Das Interesse an sozialen Außenseitern, die nicht happy enden. Die (selbstkritische und/oder selbstironische) Darstellung von Journalisten und Filmemachern, in „Ex und hopp“ vereint in der Figur der Zeitungsschreiberin, die am Ende des Films den sterbenden Junkie ausgiebig photographiert, statt ihm zu helfen. Der kommentierende Einsatz von Musik, gern mit unverstellt trivialen Texten und vorgetragen von androgyn klingenden Sängerinnen, wobei die in diesem Streifen auftauchende Zeile „Love is a dream“ als eine Überschrift für Lamberts Gesamtwerk dienen könnte. Geht es doch auch schon in „Ex und hopp“ um die Beziehungsunfähigkeit der Menschen und daraus folgenden, ebenso unvermittelten wie unvermeidlichen Eiseskälte zwischen ihnen, ein wenig wie bei Fassbinder. Dabei ähnelt das Gespräch zwischen der frustrierten Tunte, die Männer zum Sex nur gewinnen kann, indem sie sie mit Drogen anlockt, und einer Frau, die zur Abhilfe rät: „Onanier doch!“ frappierend jenem zwischen Dieter Schidor und Ingrid Caven in der finalen Episode von „Verbieten verboten“.

J.G.