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Ulrike S.

 

Fräulein Berlin

1983, 16 mm (1:1,33), s/w, 87 Min.

Regie, Buch, Kamera, Ton, Schnitt, Produktion: Lothar Lambert.

Darsteller: Ulrike S., Dagmar Beiersdorf, Dennis Buczma, Tim Burns, Carina Conti, Paul Downey, Hans-Dieter Frankenberg, Bette Gordon, Gary Indiana, Khodr Iskandarani, Jim Jarmusch, Norman Jewison, Josy Lemke, Arno Metz, Hans Marquardt, Friederike Menche, Stefan Menche, Eric Mitchell, Camila Mora, Dorothea Moritz, David Overbey, Claus Petzke, Erika Rabau, Helmut Röttgen, Gabriele Rohrer, Alan Rosenthal, Helke Sander, Gabriel Serendo, Roland Stoos, sowie Gina Rowlands, John Cassavetes, Katharina Thalbach, Thomas Brasch.

 

Kurzinhalt

Nachdem sie mit Undergroundkino Erfolge gefeiert hat, ist die Schauspielkarriere einer umfassend frustrierten Berlinerin mittleren Alters in einer Sackgasse angelangt. Auf der Suche nach neuen privaten wie beruflichen Perspektiven nimmt sie die Einladung des Festivals in Toronto an und reist von dort aus weiter nach New York.

 

Inhalt (ENTHÄLT SPOILER)

Eine kurzhaarige Frau hantiert mit einer Schlange, welche um ihren Hals liegt. Eine andere, die lange schwarze Locken trägt, schaut ihr zu. Die erste: „Ich brauche Ihnen nur tief in die Augen zu schauen, dann weiß ich alles.“ Sie flirtet mit der Schlange, küßt sie. Die andere beobachtet dies zunehmend verstört. Die erste scheint eine Wahrsagerin zu sein. Sie meint: „Ihre Wünsche erfüllen sich!“ [weiter] 

 

Lothar Lambert erinnert sich (2009)

Das Festival of Festivals in Toronto wollte mir eine Retrospektive widmen und hatte mich eingeladen. Ich reise ja nicht gern und wollte nicht hinfahren. Vom Gegenteil hat mich überzeugt, daß Ulrike S. mich begleitete und wir gleichzeitig einen Film drehen konnten. Sie spielt darin einen Undergroundfilmstar, aber wir haben in „Fräulein Berlin“ nicht unbedingt unsere privaten und tatsächlichen Probleme miteinander verarbeitet. Die von ihr dargestellte Figur beschwert sich zwar dauernd über den Regisseur, ihre Rollen, das ganze Filmgeschäft, aber Beschweren gehört bei Ulrike zum Alltag. Ich hab irgendwann erkannt, daß sie sich lebendiger fühlt, wenn sie über Mißerfolge klagen kann, als wenn sie sich über Erfolge freuen muß. Sie empfindet negative Gefühle intensiver. In die Figur des Regisseurs Rüdiger Meyer ist von mir gar nichts eingeflossen. Hans-Dieter Frankenberg, der ihn spielt, das war ein bekannter Radiomoderator, hat für seine Szene auch improvisieren dürfen. Und den Ausschnitt aus seinem neuen Undergroundfilm, den er am Schneidetisch zeigt, haben wir extra gedreht. Die Frau darin war im wahren Leben die Schwester der Wahrsagerin, die am Anfang von „Fräulein Berlin“ auftritt. Eigentlich waren das zwei Brüder, die als Schwestern zusammenwohnten, mit den ebenfalls zu sehenden Schlangen. Bei der Sexszene aus dem Rüdiger-Meyer-Film gab es keine empörten Reaktionen wie bei „1 Berlin-Harlem“. Die Säle leerten sich nicht. Die füllten sich erst gar nicht.

Im wahren Leben habe ich Ulrike ja nicht zwingen oder auch nur drängen können. Womit denn? Ich habe ihr weder Berühmtheit versprochen, noch Geld, meine Freundschaft hat sie sowieso gehabt – gut, wenn sie zu allem Nein gesagt hätte, wäre vielleicht auch die Freundschaft nicht mehr so eng gewesen, aber ich glaube nicht, daß sie Angst hatte, meine Freundschaft zu verlieren. Man hatte nicht das Gefühl, das sie vor der Kamera etwas macht, das sie nicht will. Sie war immer ganz locker. Sonst würde sie in den Filmen auch nicht so rüberkommen. Das merkt man ja, wenn Schauspieler sich bei etwas nicht wohlfühlen, die Kamera ist unerbittlich. Außerdem: Was hat sie denn Schlimmes machen müssen? Wenn Klagen kommen, ist das nachträgliche Verarbeitung. So wie ich mir erhofft habe, durch meine Filme irgendwie mal an etwas „Seriöses“ zu kommen, haben sich die Darsteller das für sich natürlich auch erhofft. Wenn man mit sich selbst im Reinen ist, wird man sich hinterher nicht von dem distanzieren, was man gemacht hat.

Seit „Now or Never“, wo ich zum ersten Mal selbst die Kamera geführt hatte – ohne Ton, schon weil die Kamera so ratterte –, habe ich die Hauptdarsteller oft in Großaufnahme gefilmt und dann gesagt: Jetzt nicken, verzeihend lächelnd, empört weggucken. Später konnte ich dann auf Band gesprochene Texte zu den Gesichtsausdrücken montieren und immer den zeigen, der gerade zuhört. Nur ein, zwei Schlüsselsätze, die ich beim Drehen schon festgelegt hatte – ich arbeite ja oft und gerne ohne Drehbuch –, hab ich von der jeweiligen Person vor der Kamera sprechen lassen und dann versucht, das nachzusynchronisieren, um wenigstens die Illusion eines Direkttons zu erzeugen. Bei „Fräulein Berlin“ hab ich das dann ganz aufgegeben. Das Streitgespräch zwischen den Schwestern zum Beispiel hab ich einfach nur auf Tonband aufgenommen und zu den Bildern geknallt. Das hat keinen gestört. Der daraus entstehende Verfremdungseffekt garantiert auch ein wenig Aufmerksamkeit, heute vielleicht noch mehr als damals, weil diese Asynchronität von Bild und Ton inzwischen so ungewöhnlich geworden ist.

Zu der Party von Norman Jewison wurden wir mit Bussen transportiert, das war ein Riesenfest auf seiner Ranch außerhalb von Toronto. Wer da eine Kamera hatte oder nicht, fiel gar nicht auf. Dann habe ich ihn einfach gefragt, ob er in einer kleinen Szene mitspielen würde. So wie den Festivalleiter, der das Interview mit Ulrike S. vor dem Festivalkino führt. Die Photosession mit ihr war dagegen echt, für irgendein Zeitgeistmagazin, und ich habe bei der Gelegenheit ein bißchen mitgefilmt. Katharina Thalbach und Thomas Brasch waren auch Gäste des Festivals und wohnten in demselben Hotel, denen sind wir zufällig begegnet. Die Psychoporno-Dreharbeiten in New York hab ich eingerichtet. Bette Gordon ist ja eine feministische Filmemacherin und sagte hinterher zu mir: Ich begreife gar nicht, wie du mich dazu gekriegt hast, daß ich sowas mitmache. Dabei hatte ich nur gefragt, ob wir das machen wollen. Vielleicht ist das auch Ulrikes Problem. Hinterher möchten sie immer die Verantwortung abgeben an irgendeinen dämonischen Typen, der sie kraft seiner unüberwindbaren Autorität oder Magie zu etwas gezwungen hat, das sie nicht wollten. Der Typ bin ich ja nun wirklich nicht. Aber vielleicht denken sie bei meiner harmlosen Arglosigkeit: Ach ja, der Spaßfaktor. Der Kameramann in der Pornodrehszene, der auch nackt war, war Bette Gordons Freund. Sie und Jim Jarmusch hatte ich kennengelernt auf dem Festival in Montreal. In New York hatten sie dann eine Vorführung von „Fucking City“ oder „Die Alptraumfrau“ organisiert in so einem angesagten Club, und als ich wieder in der Stadt war, hab ich sie eben angerufen und gefragt, ob sie mitmachen wollen. Die Masturbationsszene zwischen Paul Downey und Ulrike S. im Central Park war kein Problem. Wir haben uns eine ruhige Ecke gesucht, der Park ist ja so groß, und da war wahrscheinlich gerade schlechtes Wetter. Das hat keiner mitgekriegt. Woher ich Helke Sander kenne, weiß ich gar nicht mehr.

Daß bei mir häufig Prominente auftreten, aber meist auch nur einmal, liegt daran, daß das keine Freunde sind, sondern Kollegen oder Zufallsbekanntschaften. Damit jemand bei mir eine große Rolle bekommt, muß ich oft mit ihm zusammen sein, mich mit ihm auseinandergesetzt haben und seine Problematik kennen, die sich dann zu einer tragenden Rolle auswächst. Wer immer nur kommt, um zu drehen und sonst in meinem Alltag nicht präsent ist, zu dem fällt mir auch nicht viel ein.

 

Kritische Anmerkungen

Hat Lothar Lambert in „Fucking City“ die Faszination des Film(en)s behandelt, so folgt mit „Fräulein Berlin“ eine Auseinandersetzung mit der Filmbranche und nicht zuletzt mit immer wieder gegen ihn erhobenen Vorwürfen der Ausbeutung seiner (Laien-) Darsteller und der Kreation „ordinärer“, „vulgärer“, „kranker“ (Sex-) Szenen. Diese Anschuldigungen werden quasi karikiert in dem überzeugenden Auftritt Hans-Dieter Frankenbergs als Undergroundfilmemacher, der sich nicht nur – wie Lambert dann persönlich in „Die Liebeswüste“ – mit dem Hinweis verteidigt, er zeige lediglich die Realität, und das eigentlich noch in geschönter Form; außerdem zwinge er seine Darsteller zu nichts. Sondern der hier auch seinen Star fallen läßt, nachdem er, der Regisseur, das Ansehen dieser Frau ruiniert hat (man muß in diesem Zusammenhang wieder einmal daran erinnern, daß seinerzeit, vor den „Talk“-Shows im Nachmittagsfernsehen der neunziger Jahre und dem Siegeszug des Internets, die allgemeinen Vorstellungen von akzeptabler Nacktheit und gesellschaftsfähiger Sexualität noch bedeutend enger waren als heute). Andererseits zeichnet sich jenes „Fräulein Berlin“, im bürgerlichen Leben mit dem bieder klingenden Namen Erika Kleinschmidt geschlagen, durch arge Gefühlsschwankungen aus, welche es offenbar kaum kontrollieren kann (beispielsweise beschimpft die Aktrice den Filmemacher erst, dann bettelt sie ihn an), ebenso wie durch fast nervtötende Wehleidigkeit. Angesichts dessen halten sich Sympathie, Mitgefühl und Verständnis für diese Figur in Grenzen, wenngleich man begreift, daß sie schon aus dramaturgischen Gründen einiges durchleiden muß, um schließlich ihr Leben (und ihre Psyche) in den Griff zu bekommen. Amerika, insbesondere New York (als ein europäischer Inbegriff von Amerika), fungiert dabei wie schon in „Now or Never“ als ein Ort der Katharsis. Das vorgebliche Happy End ist, wie bei Lambert üblich, aber nur ein begrenztes: Die problembeladene Hauptfigur findet zu neuer Ausgeglichenheit und Zufriedenheit, nachdem sie ihre Erwartungen an Männer, Liebe, Karriere, Beruf stark heruntergeschraubt hat.

„Fräulein Berlin“ enthält einen besonders schönen, fast kühn (oder frech) zu nennenden Szenenwechsel: Ulrike S. steigt in New York die Treppe zu einer U-Bahn-Station hinab – und kommt in der nächsten Einstellung aus einem Berliner U-Bahnhof wieder ans Tageslicht. Der Film ist aber auch ein besonders schönes Beispiel für Lamberts oft angewandte Arbeitsweise, die Handlung erst während des Drehs zu entwickeln oder genau auszuarbeiten und sich dabei von unerwarteten Ereignissen inspirieren zu lassen. So baute er in „Fräulein Berlin“ sogleich das kurzfristig verhängte Verbot ein, bei der Lambert-Retro in Toronto – Auslöser für die Entstehung dieses Films – „1 Berlin-Harlem“ zu zeigen: Die Aufführung von „Monster Woman“, des neuesten Werks von Rüdiger Meyer (ein Name, den Lambert auch in „Fucking City“ und „Drama in Blond“ für die Figur eines Filmemachers verwendete), das zu präsentieren Erika Kleinschmidt nach Kanada gereist ist, wird von der Zensurbehörde untersagt. Ein Vorgang, den die von Meyer genervte Darstellerin hämisch kommentiert.

Bezeichnend für Lambert ist, daß man in „Fräulein Berlin“ nie erfährt, worum es denn in „Monster Woman“ genau geht, geschweige denn daß man viel davon sieht. Vermutlich wären die meisten Regisseure genauer auf diesen fiktiven Film eingegangen. Lambert scherte sich nicht um solche Kinokonventionen. Ihn interessierte die Darstellerin ebenjener „Monster Woman“ und er meinte offenbar, daß man mehr nicht zu wissen braucht, als daß diese mit ihrer Rolle (und jener in den ebenfalls genannten Werken „Die Sphinx von Kreuzberg“ und „Female Freaks“?) und dem so entstandenen Image unglücklich ist.

Charakteristisch für einen Lambert-Film jener Zeit ist die Behandlung des Tons als eigenständiges Element: Dieser paßt zwar in der Regel zum Gezeigten, läuft aber nur partiell (lippen-) synchron. Ferner finden sich als typische Elemente das Posieren und Prüfen vor einem Spiegel, das Belauschen eines Gesprächs, das Auftauchen eines hilfebedürftigen Ausländers, der Berliner Stadtzeitungen „Tip“ und „Zitty“, des Kurfürstendamms. Lambert macht sich – wie erwähnt – über sich selbst und über Vorwürfe gegen ihn lustig, und man soll wohl auch spekulieren, wieviel von den Nöten und Eigenheiten der Hauptdarstellerin in die Rolle der Erika Kleinschmidt eingeflossen ist.

Neben den bereits genannten Arbeiten hat sich Lothar Lambert auch in den Spielfilmen „Nachtvorstellungen“, „Liebe, Tod und kleine Teufel“, „Blond bis aufs Blut“ und „Verdammt in alle Eitelkeit“ mit der Faszination von Filmen und des Filmens beschäftigt. Er hat immer wieder Vexierspiele betrieben, zwischen Kino und Realität oder auch zwischen verschiedenen Fiktionsebenen. In „Fräulein Berlin“ ist dies aber besonders ausgeprägt und gelungen, nicht zuletzt dadurch, daß Lambert diverse Regisseure – ebenso wie Filmkritiker oder Wahrsager – dazu bringen konnte, mit-, wenn nicht gar sich selbst zu spielen: Norman Jewison, Jim Jarmusch, Eric Mitchell, Bette Gordon und Thomas Brasch taten dies, John Cassavetes wirkte, womöglich ohne jemals davon erfahren zu haben, als Statist mit, und Helke Sander agierte wunderbar selbstironisch als feministische Filmemacherin Hella Anders. Deren Dreharbeiten drohen am Ende in einem Streit zu versanden – in einer jener ausufernden Grundsatzdebatten, wie sie damals jederzeit aus Kleinigkeiten entstehen konnten, bevor zirka 1984/1985 die Postmoderne ihren Siegeszug begann, geboren nicht zuletzt aus dem angewachsenen Verdruß über diesen Hang zum Ideologisieren, Problematisieren, endlosen Diskutieren.

J.G.