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Inga Schrader, Doreen Heins

 

Verbieten verboten

1987, 16 mm (1:1,33), s/w, 56 Min.

Regie, Buch, Schnitt, Produktion: Lothar Lambert. Kamera, Ton: Albert Kittler, Lothar Lambert.

Darsteller: Dagmar Beiersdorf, Dorothea Moritz (1. Episode), Dennis Buczma, Stefan Menche (2. Episode), Slavko Hitrov, Lothar Lambert (3. Episode), Renate Soleymany (4. Episode), Doreen Heins, Inga Schrader (5. Episode), Nilgün Taifun, Ismet Elçi, Susanne Gautier (6. Episode), Sigurd Wendland, Robert Cutts (7. Episode), Ingrid Caven, Dieter Schidor, Klaus Marner (8. Episode).

Der Erinnerung an Dieter Schidor gewidmet.

 

Kurzinhalt

Acht kurze Episoden über psychische und sexuelle Nöte und Freuden von Menschen im damaligen West-Berlin: Zwei altjüngferlich wirkende Spießerinnen plaudern auf der Straße miteinander, zwischen Theater des Westens und Peepshow. Die Sitzung einer Frau mit ihrem Psychotherapeuten nimmt eine unerwartete Wendung. Zwei Männer verabreden sich spontan zum Tête-à-tête, erleben dabei aber eine Überraschung. Eine Stadtstreicherin erzählt von ihren letzten Erlebnissen und Sehnsüchten. Zwei junge Frauen werden bei der professionellen Betrachtung eines Pornofilms unprofessionell. Zwei Ausländer machen beim Sex miteinander eine Entdeckung. Ein Maler findet auf eigenwillige Weise neue Inspiration. Dieter Schidor und Ingrid Caven plaudern auf der Straße miteinander, zwischen Theater des Westens und (ehemaliger) Peepshow über Sex im Zeitalter von Aids.

 

Inhalt (ENTHÄLT SPOILER)

Vorspruch: „Ist der Ruf erst ruiniert, filmt sich’s völlig ungeniert. Variation eines deutschen Sprichworts“ Von der Fahne mit dem Logo der West-Berliner 750-Jahr-Feier 1987, welche eine Plakatstellwand bekrönt, schwenkt die Kamera hinab auf eine Person mit einem Bündel, die auf dem Pflaster davor liegt. [weiter]  

 

Lothar Lambert erinnert sich (2009)

Was man am Anfang sieht, diese Schautafeln zur Berliner 750-Jahr-Feier, auf den Fundamenten der abgerissenen Peepshow gegenüber dem Theater des Westens, das ist nicht gestellt: vor denen lag irgendein Penner, den haben wir einfach gefilmt.

 

Daß in der Episode, in der ich spiele, der Sexualakt mal wieder scheitert, das taucht doch in jedem Leben oft auf. Nicht in jedem Film, aber meine Filme sind eben wie das Leben.

 

Renate Soleymany war zwischendurch sehr dünn geworden, so daß wir schon dachten, sie hätte Krebs – ich weiß nicht, was da los war. Ich hab das ja immer sehr beklagt und gesagt: „Renate, wo ist dein Busen geblieben?“ Irgendwann wurde sie dann wieder dicker. Den Text, den sie in „Verbieten verboten“ im Off spricht, hat sie natürlich improvisiert. Wobei bei ihr in die Phantasie immer Erlebtes hineinfließt. Da muß man nur antippen, wie bei Nilgün.

 

Nilgün Taifun ist ja keine Muttersprachlerin, deshalb akzentuiert sie so toll. Du wirst bei ihr auch privat, im Alltag, nie ein Wort hören, das verschliffen ist oder einen Berliner Anklang hat. Ich glaube, so spricht sie auch französisch. So unklar ihre Gedankengänge manchmal sind… – vermutlich muß deshalb wenigstens die Sprache klar sein, sonst würde alles im Phantastischen versinken.

 

Der Schneideraum, in dem Doreen Heins und Inga Schrader spielen, war, glaube ich, bei Michael Eiler, wie schon bei der Rahmenhandlung von „Die Liebeswüste“. Die beiden haben auch im wahren Leben als Cutterinnen gearbeitet. Was man da hört, war eine Porno-Langspielplatte: Noch nicht verwendete Teile von jener, die man in „Fucking City“ hört.

 

Zu der Episode mit Sigurd Wendland hat mich sein Gemälde inspiriert, in dem er unter dem Knüppel liegt, das man im Film auch sieht. Wendland ist, glaube ich, auf mich zugekommen und wollte mich malen. Stefan Menche, Robert Cutts, Nilgün Taifun haben ihm ebenfalls Modell gestanden, und dann durfte er eben auch mal bei mir spielen. Er hat auch Erika Rabau und Eva Ebner portraitiert für das Plakat für „Verdammt in alle Eitelkeit“, nachdem er schon Plakatmotive zu „Verbieten verboten“ und „Gut drauf, schlecht dran“ gemalt hatte.

 

Sigurd Wendland hatte aber nichts damit zu tun, daß ich selbst angefangen habe zu malen. Das kam viel später: Dagmar Beiersdorfs Mann Mustafa Iskandarani hatte damit begonnen, unter dem Künstlernamen Iskan, und bei jedem Besuch mußte ich seine neuesten Werke bewundern. Irgendwann hat mir das gereicht, so daß ich auch angefangen hab. Dann sind wir in so eine Art Wettstreit getreten, haben manchmal nebeneinander um die Wette gemalt: Ich war meist schneller, aber seine Bilder waren vielleicht besser. Irgendwann hat dann auch Dagmar mit dem Malen begonnen. Mustafa malt ja so querbeet durch alle Stile, sie ist mehr auf heile Welt spezialisiert: Country Style, Häuser, Katze, See, Wald, Bank. Beide haben auch ganz gut verkauft, besser als ich. In letzter Zeit aber nicht mehr so, und sie haben sich etwas frustriert abgewandt von der Malerei, während ich unverdrossen weitermache, zwei, drei Bilder in der Woche.

 

Ingrid Caven trat, wie an dem Plakat hinter ihr zu sehen ist, damals gerade im Theater des Westens in der „Dreigroschenoper“ auf, als Seeräuberjenny. Wir kannten uns nicht nur von „1 Berlin-Harlem“. Als die Berlinale noch im Sommer war, wollte ich mal mit ihr tanzen gehen, alles war verabredet, aber dann hieß es: „Der Rainer [Werner Fassbinder] geht früh schlafen.“ Dann mußten alle Damen aus seiner Begleitung auch ihre Verabredungen absagen. Es gibt allerdings ein Photo, wie ich mit Ingrid Caven tanze. Das war beim Berlinale-Ball im Hotel Kempinski: Ich hemdsärmlig mit Hosenträgern. Da siehste mal, was für Zeiten das waren! In Dagmar Beiersdorfs „Dirty Daughters“ singt Ingrid Caven ja auch, Schidor kannte sie ebenfalls, so hat sich das dann ergeben. In „Verbieten verboten“ haben die beiden improvisiert. Der andere Herr, der stumm bleibt, und dem Schidor am Ende folgt, war in Wirklichkeit sein aktueller Liebhaber. Der Michael McLernon war ja mehr so eine Art Lebenspartner gewesen. Also, die sexuelle Not war in Wirklichkeit nicht so groß, wie vor der Kamera getan wurde.

 

Soweit ich weiß, sind die Tabletten, die Schidor in dieser Episode zeigt – und die Ingrid Caven ihm noch wegnehmen will –, wirklich die gewesen, mit denen er dann versucht hat, sich umzubringen. Das war kurz nachdem wir gedreht hatten. Er ist praktisch noch einmal nach Berlin gekommen, um bei mir aufzutreten. Darum war er wahrscheinlich auch so offen. Aber er hat sich nichts anmerken lassen, auch privat nicht. Dann hörte ich aus München, daß er sich umbringen wollte, und daß das nicht geklappt hat. Ich glaub, ich hab ihm noch einen Brief geschrieben. Aber er ist nach ein paar Wochen im Krankenhaus doch an den Folgen des Selbstmordversuchs oder an Aids oder an einer Mischung von beidem gestorben. Schidor hatte ja auch Interesse an Ulrike S. gehabt und sie mitgenommen nach Kolumbien, wo er mit ihr und Burkhard Driest „Kalt in Kolumbien“ gedreht hat. Einen kürzeren Film von ihm, „Kurze Kindheit, langer Abschied“, hatte ich geschnitten, da war er so verzweifelt gewesen mit dem Material. Ich hab das ziemlich radikal gekürzt und umgestellt, das lief dann bei der Berlinale. Wir hatten diverse Projekte miteinander geplant. Also, das ist schade, der war begeistert von mir, ich bin gut mit ihm zurechtgekommen und er hatte viele Verbindungen. Mit Schidor hätte ich mir eine intensive Zusammenarbeit vorstellen können. Aber es hat nicht sollen sein. Ich bin weiter ein Einzelkämpfer geblieben, zumindest als Produzent.

 

 

Kritische Anmerkungen

Mit „Die Liebeswüste“ hat sich Lothar Lambert eigentlich von den „kleinen, schmutzigen Filmen“ verabschieden wollen. Mit „Verbieten verboten“ kehrt er glücklicherweise doch zu seiner bewährten Arbeitsweise, zum „Underground“ zurück – allerdings mit einigen wichtigen Veränderungen. Schon in „Die Liebeswüste“ hat die – bezeichnenderweise stumme – Hauptfigur vor allem dazu gedient, die geschilderten Schicksale miteinander zu verbinden. Von „Was Sie nie über Frauen wissen wollten“ an soll es dann typisch für Lamberts Spielfilme werden, daß weniger die Geschichte einer Figur erzählt, als daß ein Prospekt psychisch Mühseliger und Beladener entfaltet wird. „Verbieten verboten“ stellt eine Zwischenstufe auf dem Weg dorthin dar, als erstes echtes Episodenwerk Lamberts, der die Gelegenheit dieser Art Kurzfilmsammlung nutzt, um mit verschiedenen Formen zu experimentieren. Wichtig für die weitere Entwicklung seines Schaffens ist schließlich der Umstand, daß hier erstmals Albert Kittler als Kamera- und Tonmann fungiert – Lamberts „No-Budget-Filme“ sind von nun an nicht mehr Ein-Mann-, sondern Zwei-Mann-Produktionen. Der Umgang mit Bild und Ton ist weniger ruppig, insbesondere letzterer allerdings auch deutlich konventioneller: Der Ton wird wieder enger an die – nun nicht mehr so groben und düsteren – Bilder gekoppelt, er wird bereits beim Dreh aufgenommen (was schon dadurch möglich ist, daß Kittler meist mit einer schallgedämmten Kamera arbeitet), so daß mühsames Nachsynchronisieren ebenso entfällt wie die bis dahin in vielen Lambert-Filmen zu findenden Dialoge und Monologe aus dem Off. Dies führt auch dazu, daß Lambert von nun an tendenziell weniger schneidet: Bei seiner Arbeit mit Laien und Improvisation, zumindest ohne festes Drehbuch, liegt es nahe, insbesondere Gespräche sich einfach vor der laufenden Kamera entwickeln zu lassen. Statt dessen die Dialoge in Schuß und Gegenschuß aufzulösen, würde den Darstellern – insbesondere wenn mit nur einer Kamera gedreht wird – viel mehr abverlangen.

Inhaltlich finden sich auch in „Verbieten verboten“ lauter Lambert-typische Themen, Motive, Figuren: Menschen, die Probleme haben mit ihrer Psyche und insbesondere mit ihrem Sexualleben. Verklemmungen und (Ver-) Störungen, Homosexualität, Travestie, Geschlechtsrollentausch, Sadomasochismus. Verunglückte Versuche körperlicher Annäherung. Das Treiben (und womöglich auch Triebleben) von Psychiatern (in Lamberts folgenden Filmen wird dies eine immer größere Rolle spielen). Die Wirkung von Filmbildern. Die erotische Attraktion von aus südlichen Gefilden Zugezogenen (die hier, mit einem für sie bereits typischen Auftritt Nilgün Taifuns, erstmals auch miteinander agieren). Tratschsüchtige, mißgünstige, spießbürgerliche Nachbarn. Der Lauscher, diesmal in der Rolle des unfreiwilligen Zeugen eines lautstarken Streits. Ein Jahrmarkt. Berlins Kurfürstendamm als Bühne, Treffpunkt, Laufsteg der Stadt. Die „Lonely Hearts“ betitelte Kontaktanzeigenrubrik im Stadtmagazin „Tip“.

Die ganze, teils verzweifelte Suche nach Liebe oder zumindest Sex wird überschattet von dem seinerzeit noch sehr präsenten Thema Aids – 1987 war zwar offenkundig geworden, daß die Immunschwäche zumindest in den Industriestaaten nicht zu der anfangs befürchteten großen Seuche werden und weite Teile der Bevölkerung dahinraffen würde. Doch das sexuelle Treiben wurde nach wie vor getrübt durch die Möglichkeit, sich bei jedem intimeren Kontakt eine kaum behandelbare, tödliche Infektion zuzuziehen. Von dem Schock, den das Aufkommen von Aids bewirkt hatte, hatte sich die Gesellschaft noch kaum erholt, ebensowenig wie Lambert, der eigenem Bekunden nach vor lauter Schreck Bluthochdruck bekam.

In „Verbieten verboten“ ist zwar nicht in allen Episoden von Aids die Rede. Doch das Thema steht am Anfang (gleich zu Beginn liest man auch „Erneuerung“ und „Totentanz“) und vor allem am Ende, bildet also einen Rahmen. Dabei könnte die letzte Szene, rückblickend betrachtet, kaum makabrer sein: Dieter Schidor, der im Gespräch mit Ingrid Caven über die Möglichkeit des Suizides sinniert, hat kurz darauf wirklich – und letztlich erfolgreich – versucht, sich das Leben zu nehmen.

Der Welt wie Lothar Lambert erhalten blieb hingegen Renate Soleymany, die hier als Stadtstreicherin eine erste Glanzleistung ablieferte: Wie gut ihr improvisierter Monolog ist, wird deutlich, wenn man sich vorstellt, wie gekünstelt es vermutlich klänge, würden ein Autor und ein professioneller Schauspieler etwas Ähnliches zu fabrizieren versuchen. Soleymany gelang es sogar, sich in „Gut drauf, schlecht dran“ noch zu übertreffen – jenem zweiten reinen Episodenfilm Lamberts, mit dem er die Geschichten aus „Verbieten verboten“ sechs Jahre später teils fortsetzte, teils variierte.

J.G.