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Carl Andersen, Nilgün Taifun

 

Verdammt in alle Eitelkeit

2000, 16 mm, Farbe, 80 Min.

Regie, Buch, Schnitt, Produktion: Lothar Lambert. Kamera: Albert Kittler. Musik: Albert Kittler, George Zikidis.

Darsteller: Carl Andersen, Baduri, Heiko Behrens, Dana Belling, Dennis Buczma, Max Goebel, Ralf Grawe, Heike Hanold-Lynch, Lothar Lambert, Dorothea Moritz, Christiane Nalezinski, Hilka Neuhof, Michael O., Erika Rabau, Michael Sittner, Nilgün Taifun, Sigurd Wendland, Lothar Wiese, Thomas Zetzmann sowie Stefan Stricker als Juwelia und Eva Ebner als Sylvia Heidemann.

In memoriam Sylvia Heidemann – Freitod am 29.7.1978.

 

Sylvia Heidemann – hier eine zentrale Figur, die von Eva Ebner dargestellt wird – trug wesentlich zur Finanzierung des Films „Faux Pas de deux“ bei, in welchem sie auch die weibliche Hauptrolle spielte. Ihren Freitod verarbeitete Lothar Lambert in „Now or Never“, in dessen Mittelpunkt sie hatte stehen sollen.

 

Kurzinhalt

Mit seiner kleinen Kamera und der Ankündigung, einen Film drehen zu wollen, verursacht ein Wiener viel Aufregung unter Berlinern, die von einer Karriere im Scheinwerferlicht träumen. Darunter ein Damendarsteller und Kleinkunstbühnenbetreiber, die exhibitionistische Mutter eines verklemmten Hotelportiers, die psychisch labile Schwester eines bluthochdruckbedingt arbeitsunfähigen Regisseurs, welche zwei junge Zeugen Jehovas verführt, und die begüterte KZ-Überlebende Sylvia Heidemann. Weiteren Kummer bereiten Probleme bei intimeren Kontakten, etwa die Sorgen einer Türkin, die endlich schwanger werden möchte, derweil sich ihr Gatte seinen politischen Ambitionen widmet, und die Nöte einer betagten Domina, deren Geschäft nicht mehr so recht läuft.

 

Inhalt (ENTHÄLT SPOILER)

Ein androgyner Herr singt ein frivoles Lied. Dazwischen eine Tafel: „Über Nacht wird man nur dann berühmt, wenn man tagsüber hart gearbeitet hat. Howard Carpendale“ und die Titel. Ein Mann mit österreichischem Akzent kommt aus einem Hotel und fragt den vor diesem stehenden Portier nach „offenen Bühnen“, „wo jeder, der glaubt, er hat so a bissel Talent, auftreten kann“. Er suche nämlich nach den letzten Berliner Originalen, über diese drehe er gerade einen Film. Der Portier empfiehlt ihm „La bel étage“. [weiter]

 

Lothar Lambert erinnert sich (2010)

Die Idee zu dem Film ist wahrscheinlich entstanden, weil ich mit meinen Lieblingsfreunden und -darstellern wieder was machen wollte, und das Hotel Bogota bot sich als Kreuzungspunkt für verschiedene Schicksale an. Wie schon, als wir „Und Gott erschuf das Make-up“ drehten, war Heiko Behrens dort noch Nachtportier, und die Besitzer waren mir sehr wohlgesonnen. Wie immer hat sich die Story dann nach und nach irgendwie von selbst ergeben. Die Hommage an Sylvia Heidemann war davon ein kleiner Teil, der sich durch die Mitwirkung von Eva Ebner ergab. Er war aber nicht die Grundidee des Films. Die war: das Hotel als zentraler Ort, und ein windiger Filmemacher aus Wien kommt an und macht alle verrückt, weil er vorgibt, er wolle die letzten Refugien der Berliner Kleinkunst erforschen.

Eva Ebner war schon in „Gestatten, Bestatter!“ aufgetreten. Da war sie allerdings nicht von mir engagiert worden, sondern wie alle Darsteller der kleinen Rollen von der Produktionsfirma. Ich kannte ihren Namen aber schon sehr lange durch Tilman Hemp – eigentlich Kleinhempel –, der in „Ex und hopp“ den wohlhabenden Schwulen gespielt hatte, der sich Junkies in seine Wohnung holt, und in „Sein Kampf“ den Zimmervermieter. Ich hatte ihn kennengelernt in den Tempelhofer Union-Film-Studios, da hatten wir bei „Disco“-Sendungen im Hintergrund getanzt. Und er hatte mir erzählt, er hätte in „Die Mädels vom Immenhof“ spielen sollen, aber Angst vor Pferden gehabt. So wurde er ersetzt durch Matthias Fuchs, und der hat dann Karriere gemacht. Aber Tilman bekam von Eva Ebner, die Regieassistentin war, immer kleine Rollen zugeschanzt. Irgendwie lernte sie wohl auch Michael Sittner kennen und signalisierte ihm, daß sie gerne auch mal in einem „echten“ Lambert-Film mitspielen würde. Bis sich das ergeben hat, hat’s ziemlich lange gedauert, weil sie mir in „Gestatten, Bestatter!“ nicht besonders gefallen hatte und ich nicht unbedingt fand, daß sie in meine Undergroundfilme paßt. Sie hat ja immer sowas Bestimmendes gehabt. Und sich darüber mokiert, daß ein so intelligenter Mensch so ordinär sein könne. Damit meinte sie mich.

Hilka Neuhof war mit ihrem Mann Stammgast in dem Eßlokal, das sich in dem Haus befand, in dem ich in der Charlottenburger Wielandstraße wohnte. Diese Gaststätte wurde ja zeitweise von Heiko Behrens geführt. Ich hatte dort Bilder ausgestellt, und Hilka hat mich mal angesprochen. Sie erwies sich dann als jemand, der sich nicht drum schert, ob er mal ’ne Falte mehr hat, was ja selten ist bei einer Frau in diesem Alter. Ich will nicht sagen, daß sie exhibitionistisch ist, aber wenn es die Rolle erfordert, wie Hilka immer so schön sagt, ist sie zu jeder Schandtat bereit. Sonst muß man immer dagegen kämpfen, daß Schauspieler erklären: Nee, das mach ich nicht, mein Image, und wie seh ich denn da aus, nee, das kann ich mir nicht leisten. Die haben auch immer noch im Hinterkopf: Kann ich das für mein Bewerbungsvideo verwenden oder schadet es meinem Ansehen? Solche Probleme hat Hilka nicht. Dafür ist es schwieriger mit ihr, wenn sie einen vorgegebenen Text sprechen soll. Aber wenn sie etwas improvisieren und Extremsituationen spielen kann, sagen wir mal ’ne Besoffene oder ’ne Schwachsinnige, dann ist sie wunderbar. Sie war ja schon bei ihrem ersten kleinen Auftritt in „Made in Moabit“ sehr locker, wo sie in der Unterhose steppt – da deutete sich schon an, daß man mit ihr Pferde stehlen kann. Und auch durch den privaten Kontakt merkt man ja, ob jemand eine niedrige oder eine hohe Toleranzschwelle hat in solchen Sachen. Sie hat eben eine hohe und bloß immer Angst, daß ihrem Mann das nicht gefällt. Bei ihren ersten Auftritten in meinen Filmen war sie noch als Grundschullehrerin tätig und hat ihre Kollegen auch zur Premiere eingeladen.

Ralf Grawe habe ich durch Christiane Nalezinski kennengelernt. Ich fand, daß er so eine verrückte Ausstrahlung wie Klaus Kinski hat, die ich mir nicht entgehen lassen wollte. Dann haben wir uns auch privat ein bißchen angefreundet. Auch er hatte kein Problem damit, vor der Kamera nackt zu sein. Er erzählte sogar, daß er bei einer Theaterinszenierung von Einar Schleef nackt an den Füßen hochgezogen worden war zum Schnürboden. Also, der ist schon Kummer gewöhnt. Aber er will immer nur einen Drehtag pro Film. Und keine große Rolle. Er ist ein ganz komplizierter Mensch, so kompliziert, daß ich ihn schwer einschätzen kann. Wenn seine Szene abgedreht ist, verschwindet er immer irgendwohin und ist auch nicht willens oder in der Lage, nach dem Dreh mit allen anderen essen zu gehen. Dabei ist mir dieses Gemeinschafts­gefühl so wichtig. Er ist ein sehr netter Kerl, auch sehr hilfsbereit, aber es ist nicht ganz unkompliziert, mit ihm zu arbeiten. Nach dieser „furchtbaren“ Szene in „Im tiefen Tal der Therapierten“, wo er gegenüber Evelyn Sommerhoff den Hund gibt, was er wunderbar gemacht hat, obwohl er sie nicht proben, sondern nur ein einziges Mal drehen wollte, hatte ich die Idee: Laßt uns noch mal ’nen Tanz machen – was jetzt das Ende des Films ist. Er steht in der Küche, ich sag: Komm, Ralf, mach noch mal. Er: Nee, wieso, der Drehtag ist doch zu Ende! Ich sag: Ralf, nur mal tanzen! Da ist er nicht vorbereitet, und das macht er nur ganz ungern. Ich erzähle das nicht, um ihn irgendwie schlecht oder klein zu machen, sondern weil das so die Sachen sind, mit denen ich umgehen muß, wenn ich mich mit ihm als Darsteller auseinandersetze.

Stefan Stricker alias Juwelia hatte wirklich eine Kleinkunstbühne betrieben, diese war aber, als der Film entstand, schon wieder geschlossen. Aber die Deko stand noch. Ich glaube, ich habe ihn dadurch kennengelernt, daß er auch malt. Er ist auf seine Art auch sehr schwierig, ganz widerspenstig. Er hat ein ganz seltsames Verhältnis mir gegenüber, irgendwie zwischen Protest und geschmeichelt sein. Er bildet sich ein, ich würde immer wollen, daß er schlecht aussieht, daß er schlecht spielt. Was er auch machen soll, er meint, man wolle ihn an seinem Image flicken. Er will immer diese Perücke aufhaben, immer perfekt um den Kopf rum sein, bloß das eine Kleid oder nur diese Rose, und alles, was ich ihm dann zumute, wenn er mal nicht er selbst sein soll, das paßt ihm nicht. Beim Dreh zu „Im tiefen Tal der Therapierten“ saßen wir in seinem Etablissement, und er rannte einfach weg. Ließ den Schädelwaldt da mit der anderen Transe sitzen. Die hat das ja zum Glück gut gemacht, besser eigentlich als Juwelia selber. Also, er hat keine Disziplin und pflegt seinen Dilettantismus und seinen Egoismus als Teil seiner Starexistenz. Er hat ja seinen Freund Lothar, mit dem er auch auftritt – das ist der singende Elektriker. Der war wirklich Elektriker mal und ich hab ihn überredet, auch mitzumachen, weil wir ja in der Wohnung der beiden gedreht haben. Und Dana Belling, die die schöne Buchhändlerin und Konkurrentin spielt, war eine Freundin von Juwelia. Inzwischen sind sie zerstritten.

Thomas Zetzmann war der Masseur von meinem Freund Uwe Sange, und jetzt massiert er mich. Er ist kein Schauspieler und kann erklärtermaßen nicht sprechen. Bei dem einzigen längeren Satz, den er in „Im tiefen Tal der Therapierten“ sagt, hat er gedacht, die Kamera wäre nicht an. Sonst geht’s gar nicht. Seine Auftritte macht er mir zuliebe.

Daß Dorothea Moritz nach „Verdammt in alle Eitelkeit“ nicht mehr bei mir aufgetaucht ist, hat sich so ergeben. Ich hab dann ja auch andere Damen gehabt wie Hilka Neuhof, und Dorothea gehörte nie zu meinem engeren Freundeskreis, ich hab sie kaum gesehen außerhalb der Dreharbeiten. So hat sich das dann auseinandergelebt. Sie war, glaube ich, auch beleidigt, daß sie in diesem Film so kurz wegkam. Und mir ist nichts Rechtes mehr eingefallen zu ihr. Aber man weiß ja nie.

Die Rede, die Baduri auf dieser SPD-Veranstaltung mit Momper und Wieczorek-Zeul hält, war nicht etwa inszeniert, sondern echt. Da hab ich Albert Kittler und Michael Sittner hingeschickt zum Filmen. Der Kontakt zu Baduri ist dann durch seine ver­änder­ten Lebensumstände verloren gegangen. Mit der Ehefrau und den Kindern hat er zu tun gehabt, mit seinen verschiedenen Karrieren, der Berufsausbildung, seinen politischen Ambitionen. Er hatte sich ja sowieso immer ein bißchen geniert bei den schwulen Geschichten. Und der Film, in dem er noch mal eine Hauptrolle spielen sollte, „Die schöne Schande“, ist nicht gefördert worden. Den Schluß dieses nicht-realisierten Films, daß die Transe mit der frustrierten Ehefrau im Suff ein Kind zeugt, habe ich dann in „Verdammt in alle Eitelkeit“ verwendet.

  

Kritische Anmerkungen